ARD- und ZDF-Talkshows zeichnen ein verzerrtes Bild der Realität

Hand aufs Herz: Wer kennt Jan van Aken ohne Google? Hauptberuflich ist er laut Wikipedia “Aktivist” bei Greenpeace. Er war auch im Bundestag. Aber nur für zwei Wahlperioden und das war vor zwei Wahlperioden. Allerdings erlebt van Aken sein Comeback derzeit in einer Parallelwelt: den Talkshows von ARD und ZDF. Jan van Aken war dabei Ana wird und in hart aber gerecht. Da spielte er eine Rolle: Er war dafür, dass Deutschland die Ukraine grundsätzlich im Krieg unterstützt – auch wenn er links steht. Eine rebellische Partei. Sozusagen.

Jan van Aken als Parteirebell. Das wäre spannend, wenn zum Beispiel die Linke als Regierungspartei relevant wäre. Doch die Realität sieht so aus: Die Oppositionspartei ist bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Er sitzt nur im Parlament, weil er drei direkte Amtszeiten gewonnen hat. Zwei davon bei den Wahlen in der Stadt Berlin, die unter irregulären Umständen stattfanden, zu denen TE Herzchen mit eigenen Rechten maßgeblich beiträgt. Nach der Bundestagswahl wurde es für die Linke nicht besser. Bei den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen erlitt die Partei so vernichtende Niederlagen, dass klar wurde: Die Linke ist im Westen eigentlich tot.

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Aber in den Talkshows von ARD und ZDF erfreuen sich die Linken einer erstaunlichen Vitalität. Will, Illner und Co luden in diesem Jahr 214 Politiker ein. Davon kamen 18 von links. Zumindest im öffentlich-rechtlichen Hafen kommt der versicherungstechnische Verlierer auf knapp 10 Prozent. Die Zahlen stammen aus einer Volkszählung junge Freiheit (JF) ohne Quellenangabe veröffentlicht.

Tatsächlich haben sich die Deutschen bei der Bundestagswahl klar gegen ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis ausgesprochen. Mit insgesamt 121 Aufrufen erreichen sie laut JF eine komfortable Mehrheit in der Welt der ARD- und ZDF-Talkshows. Wie überall im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es links eine übersichtliche Liste, die für alle sichtbar ist. Besonders deutlich wird dies im Umgang mit der AfD. Für ARD-Kämpfer und ZDF-Aktivisten ist das keine Partei, sondern ein politischer Feind. Feind – nicht Gegner. Deshalb präsentiert die AfD insgesamt Talkshow-Besuche, alles zusammengezählt, also unterm Strich: null.

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Talkshows sind eine gestaltete Realität. Und sie sind eine Verteilungsrealität. Redakteure entscheiden, wer und was in ihre Welt passt. Diese Inszenierung wird bis zum Erbrechen wiederholt. Fünf mal die Woche. Woche für Woche. Es ist am besten, einer einfachen Gliederung zu folgen. Ein Klimaaktivist vertritt dann „die Jugend“. Seine Worte werden, wie so oft, unkritisch honoriert Bibel-TV macht mit den Kindern wach. Oder ein Vertreter der Wissenschaft rechtfertigt die Corona-Politik des Allparteienbündnisses. Dass es auch kritische Stimmen zu den Maßnahmen gab, blieb in den Talkshows von ARD und ZDF während der Pandemie aus, es war ein Phänomen und wurde subsumiert in Kommentaren wie: Es gibt auch Querdenker…

Der Krieg in der Ukraine hinterlässt weniger klare Fronten. Hier berühren sich Reality und Talkshows. Auf der einen Seite bauen Verlage eine klare „Wir gegen Sie“-Linie auf. Dies zeigt sich in der immer wiederkehrenden Frage nach Deutschlands Kriegszielen. Obwohl am Don kein einziger deutscher Soldat zu finden ist. Andererseits sind mit dem Krieg viele Tabus gefallen: der grüne Pazifismus, die sozialdemokratische Außen- und Wirtschaftspolitik oder die rot-grüne Energiepolitik. Das alles lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Zumindest nicht so einfach.
Das sind Konflikte, die auf dem grün-roten Feld, also in den Reihen von ARD und ZDF, stattfinden. Folglich sind sie für ihre Verleger von größerem Interesse. Und sie verstehen mehr davon. Deshalb können Talkshows über komplexe Rot-Grün-Sensibilitäten tief graben. Während sie bei anderen Themen wie der Inflation nur an der Oberfläche kratzen: Höhere Preise sind dumm, die Armen sollten nicht ärmer werden. Viel tiefer gehen die Debatten nicht.

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Aufgrund dieser Konzentration auf den eigenen politischen Hinterhof laden die Talkshows Jan van Aken ein. Der ehemalige aktivistische Stellvertreter. Die Position, die Ukraine unterstützen zu müssen, sollte politisch und nicht wissenschaftlich sein. Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen, klagt auf Twitter: Sie sei nicht einmal zu Talkshows eingeladen worden, weil sie nicht bereit war, gegen Waffenlieferungen Stellung zu beziehen.

Der Göttinger Politikwissenschaftler Andreas Busch sieht darin ein Versagen der Talkshows. Da es sich um öffentlich-rechtlichen Rundfunk handelt, das Thema muss in den Fernsehräten diskutiert werden.

Auch der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil erkennt inzwischen, dass Talkshows politische Themen nicht umfassend erklären können. Damit tragen sie zu der bereits um sich greifenden Politikverdrossenheit bei. Klingbeil, ganz der Politiker, geht also nicht auf seine eigene Rolle in dem Drama ein. Kein Wunder: Da Talkshows ausschließlich von Menschen bevölkert werden, die im politischen Käsedom leben, ist dieser Käsedom kein Problem, sondern eine stillschweigend akzeptierte Forderung. Ein Hintergrund, den man kennen muss, wenn man die inszenierte Welt der Talkshows verstehen will. Was sie aber immer weniger wollen. Die absoluten Bewertungen sinken.

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