Ehemalige Kreissprecherin einigt sich mit Essener Linke

Essen.
Die ehemalige Sprecherin der Essener Linkspartei, Sonja Neuhaus, hat die Partei verlassen. Ihr Abschiedsbrief ist wie eine Allgemeinverfügung.

„Heute bin ich aus der Partei der Linken ausgetreten“, beginnt Sonja Neuhaus ihren Text, den sie im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht hat. Dazu hat er ein Foto gepostet. Es zeigt eine Frau, die ihre Hände in den Taschen ihres Anoraks vergraben hat. Sie trägt einen Hut mit Bommeln und einen Schultergurt. Vor ihr ist ein Pfad, der hinter den dunkelgrünen Hügeln verschwindet. Die unbekannte Frau scheint nicht zu wissen, wohin dieser Weg sie führt. Aber es gibt kein Zurück. Das Bild vermittelt diese Botschaft. Steht sie selbst da?

Sonja Neuhaus hat einen Abschiedsbrief geschrieben. Ein sehr langer Brief für ein Medium, dessen „Nutzer“ sich meist mit ein paar flüchtigen Floskeln begnügen, um diese schnell mit einem „Like“ oder einem Emoji zu kommentieren.

Sonja Neuhaus kommt aus bescheidenen Anfängen. Das hat sie politisch geprägt

Sonja Neuhaus hat sich die Zeit genommen, ihren Brief zu schreiben. Doch das wird schon nach wenigen Zeilen klar: Der Abschied fällt ihr nach zehn Jahren Militanz in der Partei nicht leicht. Vielleicht ist Ihr Brief deshalb zu einer pauschalen Abmachung geworden.


Wie durch ein Brennglas schildert die ehemalige Kreissprecherin der Essener Linkspartei den Zustand einer Partei, die ihre politische Heimat war, aus ganz persönlicher Sicht.


Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, gab es für Sonja Neuhaus keine andere. 2012 trat er in die Partei ein, engagierte sich im linken Jugend- und Kreisverband, wurde Mitglied des NRW-Landesvorstands und kandidierte 2017 für den Landtag.

Kopfschütteln über Sahra Wagenknecht

Jetzt, nach zehn Jahren, hat er seiner Partei den Rücken gekehrt. Wieso den? „Ich habe lange darauf gewartet und gekämpft, dass sich etwas ändert …“, schreibt er. “Aber wenn alle Versuche immer noch vergeblich sind … dann ist es Zeit zu gehen.”

Was lief Ihrer Meinung nach zu lange mit der Linken schief?

Kopfschüttelnd kommentiert Sonja Neuhaus, dass die nordrhein-westfälische Linkspartei Sahra Wagenknecht “trotz aller Fehler” erneut zur Spitzenkandidatin für die letzte Bundestagswahl gewählt habe.

Spätestens seit seinem Buch „Die Selbstgerechten“ ist Wagenknecht für viele in der Partei irritierend geworden. Für Neuhaus ist es „ein Konter auf unseren Spielplan“. Allerdings halte die Linke an Wagenknecht als “Bogenmarionette mit Personenkult” fest, kritisiert Neuhaus. Doch dies sei „nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs“.

Content-Positionen wurden manchmal für einen Post über Bord geworfen

Ein großes Problem für die Linke sei die „Autarkie-Mentalität“ und das „Feilschen hinterher“, kritisiert Neuhaus. Dazu seien einige inhaltliche Positionen über Bord geworfen worden: „Hauptsache den Hintern trocken halten.“

Apropos Inhalt: Die Linke nutzte die Corona-Krise nur, um sich wieder mit sich selbst auseinanderzusetzen. Verschwörungsmärchen, Sozialdarwinismus, Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit hielten Einzug in die Partei. „Pandemieleugnung war an der Tagesordnung“, sagt Neuhaus.

Was den Ukraine-Krieg betrifft, beklagt Neuhaus eine zögerliche Haltung, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine als solchen zu bezeichnen, da Russland immer noch als Freund einer linken Bewegung gesehen werde. Die ehemalige Sprecherin der Essener Linken findet das verstörend. Ebenso wie „unterschwelliger und manchmal unverblümter Antisemitismus unter dem Deckmantel der ‚Solidarität mit Palästina‘ oder des Antiimperialismus“. Alles aufzuzählen würde seinen Text unnötig in die Länge ziehen, schreibt er.

Als junge Frau links aktiv zu sein, ist wie ein Spießrutenlauf

Seine Kritik gleicht einer tour d’horizon durch aktuelle politische Lager und die Haltung der Linken zu ihnen. Sehr persönlich wird Neuhaus, wenn er über die aktuelle Sexismus-Debatte schreibt, die die Partei umtreibt, seit im Hessischen Landesverband mehrere Verdachtsfälle sexueller Übergriffe öffentlich geworden sind.

„Als junge Frau im Fußball aktiv zu sein, macht alles andere als Spaß“, schreibt Neuhaus. Vielmehr ist es wie ein Spießrutenlaufen. “Manchmal fühlt man sich wie auf einem Fleischmarkt: ein ‘wohlmeinender’ Klaps auf den Hintern, Kameraden, die gerne mit dir Pornos drehen würden, Liebesbriefe und Teaser von Kameraden, in deren Alter dein Vater sein könnte.” sexistische Parolen. Banalisierung sexueller Gewalt. Ich habe das alles selbst erlebt. Und diese Liste ist keineswegs vollständig.”

Als Leser muss man bei solchen Worten schwer schlucken. Über ihren Abschiedsbrief will Sonja Neuhaus nicht sprechen, ein Interview lehnt sie ab. Deine Kraft ist erschöpft. Es wurde alles gesagt. Sonja Neuhaus geht ihren eigenen Weg.


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