Endlich Wahlkampf in Otterwisch (nd-aktuell.de)

3000 Plakate werben im Wahlkampf des Bezirksvorstehers im riesigen Landkreis Bautzen für Alex Theile.  Der Kandidat (links) hat mehrere davon beigefügt.

3000 Plakate werben im Wahlkampf des Bezirksvorstehers im riesigen Landkreis Bautzen für Alex Theile. Der Kandidat (links) hat mehrere davon beigefügt.

Als Sarah Schröder vor 22 Jahren geboren wurde, war Matthias Kauerauf bereits elf Jahre Bürgermeister seiner Heimatstadt Otterwisch. 1989 übernahm er die Amtsgeschäfte am Standort zwischen Leipzig und Grimma. 1994 musste sich der damals noch frische Verwaltungschef mit einem CDU-Gegner auseinandersetzen, der allerdings mit 31 Stimmen ein demütigendes Ergebnis in der rund 1.500-Einwohner-Stadt erhielt. Als Sarah Schröder 2001 noch ein Kind war, trat Kauerauf ihre dritte Amtszeit an; als sie 2008 in die Grundschule kam, ihre vierte. Als sie 2015 ins Gymnasium ging, wurde sie mit 94 Prozent zum fünften Mal gewählt. Weitere Bewerber gab es nicht. “Mit gelebter Demokratie hatte das nicht viel zu tun”, sagt Schröder.

In etwas mehr als einer Woche findet in Otterwisch wieder eine Bürgermeisterwahl statt. Wieder stand fast nur ein Name auf dem Stimmzettel: von Kauerauf, heute 61 und dienstältester Bürgermeister im Bezirk Leipzig. Die Familie habe ihm davon abgeraten, er sehe aber leider „keinen Nachfolger, der die Arbeit so positiv weiterführen kann“, zitierte ihn die Lokalzeitung. Allerdings bekommt er es diesmal mit einem Konkurrenten zu tun. Auch Sarah Schröder, die jetzt in Leipzig Lehramt studiert, bewirbt sich. Eine Handvoll Plakate mit seinem Foto hängen an Laternen vor gepflegten Bauernhäusern entlang der Hauptstraße von Otterwisch. “Zum ersten Mal seit Jahren”, sagt er, “ist hier ein richtiger Wahlkampf.”

Mit 22 und einem Lebenslauf von drei Seiten

Wie groß sind die Möglichkeiten des jungen Bewerbers? »Du bist 22 Jahre alt, was weißt du vom Leben?!«, fragen sie ihn am Wahlkampfstand, sagt er. Die Antwort würde länger ausfallen, als viele Passanten erwarten würden. Ihr Lebenslauf hat drei eng beschriebene Seiten. Schröder engagierte sich in Fachschaften: an seiner Schule, im Landkreis, im Freistaat. Gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Tobias „Pudding“ Burdukat, der derzeit auch für das höchste Amt im dortigen Stadtrat kandidiert, hat er das „Jugenddorf“ in Grimma geschaffen, eines der seltenen alternativen Jugendzentren im ländlichen Sachsen. Er hat sich für Finanzierung eingesetzt, öffentliche Skepsis zerstreut und mit bürokratischen Hürden gerungen, Fähigkeiten, die in einer Kommunalverwaltung gefragt wären. Er hat das Jugendforum im Leipziger Land mitgegründet, ein Gremium, in dem junge Menschen Ideen für ihre Region entwickeln. „Es geht nicht nur um die Frage: Was will ich und warum gibt es das nicht?“, sagt Schröder, „sondern um den Mut, aktiv zu werden, sich zu engagieren und für Mehrheiten zu kämpfen.“

Auch in seiner Heimatstadt wünscht er sich frischen Wind für die Demokratie. Otterwisch sei eine lebendige Stadt, sagt Schröder. Es gibt eine Schule, Bäcker und Metzger, einen Kindergarten und verschiedene Vereine. Am Tag vor der Wahl findet im Stadtteil Großbuch ein großes Fest statt. Auf der Hauptstraße laden Plakate die Jugend der Stadt zum Feiern ein. „Vieles wird ehrenamtlich geleistet“, sagt Schröder. Aber Entscheidungen wurden zu oft am Tisch der Stammgäste getroffen. “Es gibt keinen öffentlichen Diskurs”, sagt er: “Die Menschen haben verlernt, wichtige Themen in demokratischen Gremien zu diskutieren.” 2021 machte Otterwisch Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass der 12-köpfige Stadtrat seit einem Jahr nicht mehr vom Oberbürgermeister einberufen worden war, angeblich weil keine Säle den Pandemie-Anforderungen entsprochen hätten. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass dem Ratspräsidenten ein reges politisches Leben in der Gemeinde wohl nicht mehr wichtig ist. „Er hat viel für Otterwisch erreicht“, sagt sein Herausforderer, „aber er hat den Punkt verpasst, wo es gereicht hätte.“

An vielen Orten in Sachsen gab es keine politische Wende

Vielleicht ist das der Kern von Sarah Schröders Bewerbung: zu zeigen, dass Beziehungen nicht ewig zementiert sein müssen, dass es Alternativen gibt, dass Veränderung möglich ist. Das gab es lange Zeit nicht nur in Otterwisch, sondern in Sachsen überhaupt: im Freistaat, in dem die CDU seit 1990 ununterbrochen regiert; in den Bezirken, in vielen Gemeinden. Statt lebhafter Debatten um die besten Argumente und Ideen herrscht vielerorts ein paternalistisches und herablassendes Politikverständnis. Die Folgen sind allgemeine Passivität, Frustration und Distanzierung von der Demokratie. Als die von der Linken als parteilos nominierte Schröder in einer Wahlkabine für sich und ihre Ideen, darunter einen Bürgerhaushalt, warb, wurde sie gefragt, warum man Politiker brauche.

Der junge Otterwischer Student ist nur einer von denen, die die eingebetteten Bedingungen nicht mehr akzeptieren wollen. Ein anderer ist Alex Theile, der im Wahlkampf jeden Morgen im »Büdchen« am Kamenzer Bahnhof vor einem Kaffee sitzt und den Kontakt zu den Wählern sucht. Ein Mann am Nebentisch fragt, ob er der Mann mit den Plakaten sei. Theile nickt. Wie Sarah Schröder macht auch sie derzeit Wahlkampf. Seine Plakate hängen aber nicht nur auf 14 Kilometern Straßen im Dorf Otterwisch, sondern im gesamten Landkreis Bautzen, der mit 2.400 Quadratkilometern fast so groß ist wie das Saarland. 3.000 Stück verteilte er zwischen Hoyerwerda, dem Dresdner Stadtrand und der Grenze zu Tschechien. Theile will Landrat werden und damit eine Verwaltung führen, die für 300.000 Menschen arbeitet und für viele Lebensbereiche zuständig ist, vom Abfall über den Nahverkehr bis hin zur Kfz-Zulassung.

Bezirksposten als angebliches Herrenhaus

Auch in den Kreisverwaltungen Sachsens herrscht eine politische Monokultur. Landräte in Sachsen kommen fast immer aus der CDU, mit seltenen Ausnahmen wie der SPD-Politikerin Petra Köpping, die von 2001 bis 2008 Landrätin im Kreis Leipzig war. Derzeit gibt es in Sachsen zehn Landkreise; die Spitzen aller ihrer Verwaltungen haben ein CDU-Parteibuch. Viele sehen die Position als eine Art Erbhof. In Bautzen tritt CDU-Mitglied Michael Harig nach 21 Jahren zurück und will seinen Nachfolger selbst in den Thron heben. Auf großen Plakaten ist er neben seinem ehemaligen Bundestagsabgeordneten und Parteifreund Udo Witschas zu sehen, den er zu seinem Erbe auserkoren hat. Der Slogan: »Er hat meine Stimme.«

Natürlich gerät die Dominanz der CDU ins Wanken. Die AfD sieht sich als ernsthafte Konkurrentin. Bei der Bundestagswahl 2021 hat er zuletzt zehn von 16 sächsischen Wahlkreisen gewonnen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er am 12. Juni erneut zuschlagen und erstmals einen Wahlkreisleiter ernennen wird. Sie nominiert Kandidaten in acht der neun Bezirke, die jetzt wählen. Im Kreis Görlitz, wo das Rennen als besonders eng gilt, kommt es eigentlich nur zu einem Duell zwischen CDU und AfD; Abgesehen von der FDP halten sich die anderen Parteien zurück, was als stillschweigende Unterstützung für den Mann aus der CDU gewertet werden kann.

In Bautzen hingegen rechnet sich Theile gute Chancen aus, als Dritter zu lachen. Er wird von der SPD, den Grünen und der Linken unterstützt; für letzteren ist er seit einiger Zeit als Unabhängiger Mitglied des Kamenzer Stadtrates. Die drei Parteien pflegten enge Kontakte in die Region, sagt Silvio Lang, Kreisvorsitzender der Linken. Bereits 2015 schickten sie einen gemeinsamen Kandidaten zu den Wahlen, „damit es eine Alternative zu Harig gibt“. Diesmal geht das Bündnis auf Sieg, auch weil Witschas von vielen nicht als die bessere Option im Vergleich zur AfD angesehen wird. 2017 sorgte er durch vertrauliche Gespräche mit dem ehemaligen NPD-Bezirkschef über den Umgang mit Asylbewerbern für Aufsehen. Im Januar dieses Jahres kündigte er bei einer Demonstration von Querdenkern an, dass er keine Impfpflicht im Gesundheitssystem durchsetzen werde und deshalb das Gesetz eigentlich umgehen wolle. Lang warnt: „Wer Witschas für das kleinere Übel hält, bekommt einen CDU-Landrat mit AfD-Posten.“

Kreisräte müssen Selbstvertrauen zurückgewinnen

Als Landrat würde Theile „nicht mit Rechtspopulisten zusammenarbeiten“, sagt er. Der 41-Jährige ist Soziologe und Jurist, hat als Unternehmensberater und Staatsanwalt gearbeitet und ist derzeit Richter in Weißwasser. Die Entscheidung für die Kandidatur als Landrat sei in seiner Familie gefallen, nachdem der AfD-Mann Karsten Hilse das Direktmandat für den Bundestag in Bautzen gewonnen hatte: „Das hat mich erschüttert.“ Ein Landrat interessiert sich aber nicht nur für Präventionsrechte, sondern auch für eine andere politische Kultur im Landkreis. Er, sagt Theile, habe sich unter die Räder von 32 Jahren CDU-Herrschaft gestellt. Eigentlich seien der Bezirksvorsteher und die Verwaltung die ausführenden Organe der Vorgaben des Bezirksamtes, sagt Theile. Aber das wird „so nicht gelebt“. Stattdessen werden Landräte oft als Landesfürsten und Landesparlamente nur als schmückendes Beiwerk wahrgenommen. Er hingegen, sagt Theile, „würde dem Kreistag mehr Selbstvertrauen zurückgeben und die Ideen des Kreistags umsetzen.“ Auch in der Verwaltung will er stärker darauf drängen, Ermessensspielräume zu nutzen. „Viele Bürgerinnen und Bürger haben gerade das Gefühl, als Bittsteller wahrgenommen zu werden“, sagt er: „Die Verwaltung sollte ein Dienstleister sein.“ Das wollen Sie ändern.

Zunächst muss Theile für seine Kandidatur werben und oft erklären, worum es am nächsten Samstag geht. Zum einen seien Landräte “sehr prominente Persönlichkeiten”. Sie bündeln nicht nur die Interessen einer Region, etwa in der für die Lausitz wichtigen Frage des Strukturwandels; sie verhandeln mit den Bürgermeistern auf der einen Seite und den Dresdner Ministern auf der anderen Seite. Aber sie gehören auch zu den wichtigsten Gesichtern in der Politik; Sie sind bei fast allen Festen der Städte und bei allen Einweihungen einer Schule oder einer Feuerwache anwesend. Viele Wähler wussten jedoch nicht, was ein Landrat ist und was er zu tun hat, oder verwechselten ihn mit einem Landtagsabgeordneten: „Sachsen fehlt es an politischer Bildung.“

Also spricht Theile mit den Wählern und klärt auf: jeden Morgen im „Büdchen“ am Kamenzer Bahnhof, dann an den Ständen der Wochenmärkte der Region oder in den Vereinsheimen. Der Wahlkampf dauert bis zum 12. Juni oder noch drei Wochen, wenn im ersten Wahlgang kein Sieger feststeht. Auch Sarah Schröder macht in Otterwisch aktiv Wahlkampf und lässt sich nicht davon abschrecken, dass ihre Konkurrentin die direkte Konfrontation vermeidet. Die Zeitung zitiert ihn mit der vernichtenden Einschätzung, dass die Linke einen jungen Studenten verbrenne: “Ich finde das anmaßend.” Sarah Schröder findet ihre Kandidatur nicht anmaßend, sondern Ausdruck gelebter Demokratie.

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