Haar bei München – Unrecht hat viele Facetten – Landkreis München

Haar: Die Gender-Debatte ist eine von vielen: Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der Justiz, sondern auch oder hauptsächlich.  Die Diskussionsrunde zeichnete ein facettenreiches Bild.

Die Gender-Debatte ist eine von vielen: Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der Justiz, sondern auch oder hauptsächlich. Die Diskussionsrunde zeichnete ein facettenreiches Bild.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Gerechtigkeit ist ein Begriff, der oft in politischen Reden verwendet wird. Der Koalitionsvertrag der Ampelregierung trägt den Titel “Freiheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit”. Und wahre Gerechtigkeit ist eine Utopie. Wir können nur versuchen, ihm näher zu kommen. In einem runden Tisch in der Volkshochschule Haar, moderiert von der Leiterin Lourdes María Ros de Andrés, stellten vier Menschen mit ganz unterschiedlichen Professionen ihre berufliche Vision zum Thema Gerechtigkeit im Bildungszentrum Poststadel vor. Die frühere Sprecherin des Menschenrechtsausschusses im Bundestag Margarete Bause (Grüne), der Haarer Stadtrat und der Rechtsanwalt Dietrich Keymer (CSU), der SPD-Kandidat bei der jüngsten Bundestagswahl im Landkreis, und der Philosoph Korbinian Rüger ebenso B. der SPD-Stadtrat Haar und der Gymnasiallehrer Peter Schiessl.

In der Diskussion wurde schnell deutlich, wie schwer fassbar der Gerechtigkeitsbegriff ist und wie unterschiedlich er verstanden werden kann. Dem korbinischen Philosophen Rüger geht es um eine gerechte Güterverteilung. Ungleichheiten sollten seiner Meinung nach nicht auf Zufällen beruhen. Zum Beispiel in welches Land oder in welche Familie Sie hineingeboren wurden. Aus Sicht der theoretischen Verteilungsgerechtigkeit muss die Politik korrigierend eingreifen, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden.

Die Grünen-Politikerin Margarete Bause sieht das Thema Gerechtigkeit unter dem Aspekt des Schutzes der Menschenrechte. Seiner Meinung nach sollte jeder Mensch ein menschenwürdiges Leben führen können. Das Konzept der Verteilungsgerechtigkeit geht nicht weit genug. Denn ganz konkret geht es in unserer Welt ziemlich ungerecht zu. Frauen sind gegenüber Männern benachteiligt. Auch innerhalb verschiedener Generationen gibt es Unterschiede in der Gerechtigkeit, wenn die nächste Generation die Folgen des Klimawandels viel stärker zu spüren bekommt. Und dann gibt es noch globale Gerechtigkeit. Der Süden ist gegenüber dem Norden benachteiligt und hinkt wirtschaftlich hinterher.

Ein Rechtsrahmen, der Gerechtigkeit schafft

Für Rechtsanwalt Dietrich Keymer geht es um formale Gerechtigkeit. Die Institutionen müssten Gerechtigkeit schaffen, sonst bliebe diese Frage nur Theorie. Vor allem aber geht es ihm um die praktische Gerechtigkeit, also um die Verfahren und Gesetze, die Gerechtigkeit hervorbringen. Die Rechtslage kann immer nur ein Abbild der Gesellschaft sein. Als gerecht wird demnach empfunden, was dem jeweiligen Wertesystem einer Gesellschaft entspricht.

Haar: Dietrich Keymer ist CSU-Stadtrat in Haar und Rechtsanwalt.

Dietrich Keymer ist CSU-Stadtrat in Haar und Rechtsanwalt.

(Foto: Claus Schunk)

Haar: Margarete Bause von den Grünen setzt sich stark für globale Menschenrechte ein.

Margarete Bause von den Grünen ist eine starke Verfechterin der globalen Menschenrechte.

(Foto: Claus Schunk)

Für Gymnasiallehrer Peter Schiessl beginnt Gerechtigkeit bei der Bildung. Was ist echte Chancengleichheit? Und wie kann es gemacht werden? Wären Ganztagsschulen und Studienkredite auf nationaler Ebene adäquate Hebel, um die Bildungslücken der Kinder der sogenannten sozialen Unterschicht auszugleichen? Und ist es wirklich förderlich, dass jedes Bundesland seine eigene Bildungspolitik hat? Wie soll eine faire Bewertung oder gar ein Vergleich möglich sein? Fest steht, die Kluft zwischen Mittelschule und Gymnasium wird immer größer. Und die Zahlen sprechen für sich: 75 Prozent der Abiturienten kommen laut Schiessl aus akademischen Elternhäusern.

Haar: Der SPD-Politiker Korbinian Rüger blickt wie ein Philosoph auf die Welt.

Der SPD-Politiker Korbinian Rüger blickt wie ein Philosoph auf die Welt.

(Foto: Claus Schunk)

Haar: SPD-Stadtrat und Gymnasiallehrer Peter Schiessl beklagt mangelnde Bildungsgerechtigkeit.

SPD-Stadtrat und Gymnasiallehrer Peter Schiessl beklagt mangelnde Bildungsgerechtigkeit.

(Foto: Claus Schunk)

Dietrich Keymer hingegen befürchtete, dass eine schulpolitische Diskussion die Gerechtigkeitsfrage zu sehr erhellen würde und kehrte zur Verteilungsfrage zurück. „Wir haben nur begrenzte Ressourcen und sie müssen irgendwie verteilt werden“, sagte er. Wenn es um Bildung geht, sollten wir uns einfach fragen: “Was ist uns das wert? Und woher bekommen wir das Geld?”

Und dann gibt es noch so viele andere Fragen, die unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet werden müssen. Die aktuelle Klimakrise und ihre Folgen für die nächste Generation sowie der aktuelle Krieg in der Ukraine. Hätten wir das alles verhindern können? Und was können wir jetzt noch tun? „Die Zeit rennt uns zwischen den Fingern und die Gesellschaft reagiert zu langsam“, klagte Bause. Wir wissen seit langem von der menschengemachten globalen Erwärmung, und doch hätten wir so viel Zeit verschwendet. Das wirft uns die nächste Generation zu Recht vor. Aber gibt es eine Verantwortung für zukünftige Generationen? “Das ist eine berechtigte philosophische Frage”, sagte Rüger, der für sich selbst mit “Ja” antwortete. Die Vergangenheit kann nicht geändert werden, aber es muss alles getan werden, um die Gegenwart und die Zukunft zu verbessern. Das wäre gerecht.

Leave a Comment