Linke: Wer will mit Janine Wissler die Partei führen und wer ohne sie?

METERInmitten einer existenziellen Krise tauscht die Linke ihre gesamte Parteiführung aus. In weniger als drei Wochen wird auf dem Erfurter Parteitag gewählt. Bisher sieht es nach einem Matchup mit Kandidaten aus, um zu kämpfen. Und obwohl die Linke weitgehend zustimmt, dass die Opposition innerhalb der Partei sie lähmt, kann sie sich ihrer eigenen Logik vor Ort nicht entziehen.

Hinter den Kulissen tobt seit langem ein Machtkampf, bei dem verschiedene Gruppierungen um die Deutungshoheit über die Kandidaturen wetteifern. Linke Bewegungen, darunter etwa Parteichefin Janine Wissler, wittern ein konzertiertes Vorgehen der sogenannten Hufeisen: Das sind Reformer und Abgeordnete der extremen Linken, deren Mitarbeit in der Fraktion trotz inhaltlicher Differenzen notorisch ist. Das vermeintliche Ziel: seine Macht auf die Präsidentschaft auszudehnen.

auch lesen

Nach der Landtagswahl im Saarland - Die Linke

Innerhalb der Kandidatenliste werden vier Kolleginnen und Kollegen Chancen eingeräumt. Die Satzung sieht eine Doppelspitze mit mindestens einer Frau vor. WELT stellt die vier Kandidaten vor:

Janine Wissler, beschädigte Parteichefin

_O0A4360_1.jpg

Quelle: Marlene Gawrisch

Ein Ausscheiden von Wissler wäre eine Sensation und ein herber Schlag für den 41-Jährigen. Er seinerseits kennt die Linke der Bewegung. Und Ihren Bürobonus. Jeder kennt sie, sie steht für Kontinuität.

Interview

Linke Chefin Janine Wissler, 41

Anhänger betonen seinen Einfallsreichtum. Trotz des desolaten Zustands der Partei gibt es nicht wenige, die glauben, dass sie in den letzten 15 Monaten solide Arbeit geleistet hat. Allein der Personalwechsel wird die Partei nicht retten, “Janine” hatte kaum eine Chance, sich zu beweisen – das sind gängige Argumente für Wissler.

Seine Bekanntheit ist aber auch ein Handicap: Als verbleibender Parteichef ist er das Gesicht des Elends. Und es ist direkt mit den MeToo-Vorwürfen verbunden, die die Linke erschütterten und den Rücktritt der Co-Vorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow veranlassten. Wissler wird vorgeworfen, von den Anschlägen gewusst und nichts unternommen zu haben. Einer der Angeklagten ist ihr damaliger Partner.

auch lesen

Susanne Hennig-Wellsow (links) geht.  Jetzt ist nur noch die Chefin übrig: Janine Wissler

Haftungsausschluss oben links

Wissler bestreitet die Vorwürfe. Politisch schadete es ihr jedoch. Der Parteivorstand unterstützte sie jedoch und es gab keine Schreie aus der ersten Reihe, die ihren Rücktritt forderten.

Heidi Reichinnek, unbekannte Herausforderin

Landesparteitag der Partei Die Linke in Niedersachsen

Quelle: pa/dpa/swen Torhüter

Wisslers Schwäche ist Heidi Reichinneks Stärke: Wer Wissler loswerden will, wählt die Frauensprecherin der Fraktion. Vor allem die Jugend der Linken sollte sie auf ihrer Seite haben. Seit Wochen macht die Parteijugend im Rahmen der MeToo-Debatte in den sozialen Medien Druck auf Wissler.

auch lesen

Linke tritt von links nach rechts zurück: Niklas David Gießler, Simone Barrientos, Kevin Hofmann

Er trat aus der Linkspartei aus

Reichinnek selbst ist bisher recht unbekannt, was einen Neuanfang bedeuten würde. Einige Mitglieder von Linke zucken jedoch unwissentlich die Achseln. Wählen Sie einen Parteivorsitzenden, den Sie nicht kennen?

Die 34-Jährige ist seit 2019 Präsidentin des Landes Niedersachsen. Im vergangenen Herbst zog sie erstmals in den Bundestag ein. Fraktionschefin Amira Mohamed Ali gilt als Vertraute und Unterstützerin. Wohl auch deshalb wurde Reichinnek in Teilen der Partei als Kandidat für den Fraktionsvorsitz gewertet. Reichinnek gehöre zum Wagenknecht-Lager, warnt er. Andere glauben, dass Fraktionschef Dietmar Bartsch hinter der Kandidatur steckt. Sie selbst bestreitet es.

Gruppenleiter im Interview

Dietmar Bartsch, 64, ist seit Oktober 2015 Ko-Vorsitzender der Linken-Fraktion

Generell zeigt Reichinneks Kandidatur vor allem einen allgemeinen linken Impuls: Jeder, der kein Freund ist, wird als potenzieller Feind gesehen. Jedenfalls würde eine Wahl seinerseits als Sieg des Hufeisens im seit Jahren andauernden Machtkampf gewertet.

Martin Schirdewan, Europapolitiker aus Thüringen

Quelle: Image Alliance/Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Wenn Wissler gewählt wird, könnte sein neuer Co-Vorsitzender Martin Schirdewan werden. Der 46-Jährige ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Europaparlament und Mitglied des Bundesvorstands. Er stammt aus Thüringen und gilt als Pragmatiker. Ein Team von Wissler & Schirdewan würde die Diversität innerhalb der Partei auf ähnliche Weise abdecken wie einst Wissler und Hennig-Wellsow.

Sie sagten nicht, dass die beiden als Duo spielten, aber sie deuteten es an. Dies ist kein Zufall. Nur nicht die eigenen Follower verprellen, das ist das Mantra.

auch lesen

Luisa Hofmeier, politische Redakteurin der WELT

Meinung Partei existenzielle Krise

Schirdewans Erfahrungen im Parteivorstand und als Fraktionsvorsitzender im EU-Parlament sprechen für ihn. Er kennt das Spiel gut. Kritik an seiner Kandidatur betrifft nicht ihn, sondern vor allem Wissler. Viele vertrauen ihm, dass er die Arbeit erledigt, und er wird auch als geeignet angesehen, die Linke nach außen zu vertreten.

Ihm wird vorgeworfen, dass er als Spitzenkandidat für die Europawahl 2019 ein eher schlechtes Ergebnis erzielt habe. Wer jedoch die Besetzung des Präsidentenamtes durch die Linke von Wahlsiegen abhängig macht, mag lange Zeit erscheinen.

Soren Pellmann, „Retter der Linken“

7246.jpg

Quelle: Amin Akhtar/WELT

Schirdewans Gegner ist Sören Pellmann, 45, besser bekannt als “Retter der Linken”. Bei der Bundestagswahl gewann Pellmann seinen Wahlkreis in Leipzig und hielt die Linke als dritten Direktkandidaten im Bundestag, obwohl er die Fünf-Prozent-Hürde verfehlte.

Befürworter sagen, er habe in Leipzig gezeigt, dass er unterschiedliche Umgebungen erreichen könne. Wütende Zungen hingegen sind der Meinung, dass der Wahlkreis, in dem der linksautonome Kreis Connewitz liegt, leicht zu gewinnen sei und dort ein „Besen“ hätte aufgestellt werden können.

Eine häufig gestellte Frage an Pellmann ist die fehlende Ausstrahlung. Nur wenige können ihn sich in den großen Talkshows vorstellen. Außerdem ist darauf der Stempel „Wagenknecht-Mann“ angebracht, eine Nähe, die sich bei ihm besser dokumentieren lässt als bei Reichinnek. In einem Interview mit der „Leipziger Zeitung“ vor der Bundestagswahl sagte Pellmann, er teile 95 Prozent der Sitze Wagenknechts.

auch lesen

Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine unterzeichnete er auch eine Erklärung einer Minderheit um Wagenknecht, die die Mitverantwortung des Westens betonte. Im Laufe seiner Kandidatur distanzierte er sich jedoch von der Forderung nach einer Auflösung der Nato.

Hier können Sie sich unsere WELT-Podcasts anhören

Zur Anzeige der eingebetteten Inhalte ist Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da die Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung benötigen. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „on“ stellen, erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit widerrufbar). Dies umfasst auch Ihre Zustimmung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten an Drittländer, einschließlich der USA, gemäß Art. 49 (1) (a) der DSGVO. Sie können weitere Informationen darüber finden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über den Schalter und Datenschutz unten auf der Seite widerrufen.

„Kick-off Politics“ ist der tägliche News-Podcast der WELT. Das wichtigste Thema analysiert die WELT-Redaktion und die Termine des Tages. Abonnieren Sie den Podcast unter Spotify, Apple-Podcasts, amazon musik oder direkt über den RSS-Feed.

Leave a Comment