Lörrach: Vom Minister zum Bürgermeister – Lörrach

Das waren die Vorzeichen für die Neuwahlen am 16. November 1983. Anfang Mai stellte die CDU ihren Kandidaten vor, den 44-jährigen Schliengener Bürgermeister Alois Rübsamen. In seiner bis dahin erfolgreichen zwölfjährigen Amtszeit hatte er Gemeindereformen, Hochwasserschutzmaßnahmen, den Bau der Hebelschule mit Turnhalle und die Sanierung der Wasserburg Entenstein als Rathaus gemeistert. Auch die Freien Wähler unterstützten ihn. Seit der Kommunalwahl stellen CDU und Freie Wähler 24 der 42 Stadtverordneten. Bei den Bundestagswahlen im März 1983 gewann die CDU mit 47,3 Prozent der Zweitstimmen deutlich vor der SPD mit 35,9 Prozent. Dabei konnte Rübsamen seine kommunalpolitische Erfahrung, seine Verbundenheit zum Kreis und die Unterstützung einer bundesweit erstarkten CDU in die Waagschale werfen.

Doch nur wenige Tage nach Rübsamens Kandidatur gelang der SPD ein Coup: mit dem 46-jährigen Juristen und ehemaligen Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Rainer Offergeld. Dass er sich in der „Provinz“ Lörrach zur Wahl stellte, galt als kleine Sensation. Die Lörracher SPD konnte eine bundespolitische Veranstaltung nutzen. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde am 1. Oktober 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Helmut Kohl, CDU, wurde mit den Stimmen der FDP neuer Bundeskanzler. Damit verloren auch die ehemaligen Minister und Staatssekretäre der alten Regierung ihre Posten. Obwohl Rainer Offergeld bei der Bundestagswahl im März wieder in den Bundestag gewählt wurde, zeigte er sich nach vielen Jahren in Bonn offen für politisches Engagement in der Nähe seines Wohnortes Waldshut.

Die baden-württembergische SPD suchte den Erfolg über die Stadträte. Helfen sollte der damalige “Nachwuchs” des Regierungsteams von Helmut Schmidt. Der ehemalige Offergeld-Staatssekretär Rolf Böhme hatte es im November 1982 vorgemacht, indem er Freiburger Oberbürgermeister gegen einen Konkurrenten aus der CDU geworden war. Für Offergeld sprachen seine bundespolitischen Erfahrungen, seine finanzpolitische Kompetenz, er war auch vier Jahre lang Staatssekretär im Finanzministerium und seine Führungsposition als Ministerialdirigent.

FDP und Grüne geben den Ausschlag

Für Spannung im Wahlkampf sorgte die Kandidatur von Stadtrat und FDP-Anwalt Peter Jensch. Nehmen wir die letzte Wahl, dann hatte die FDP ein Potenzial von rund acht Prozent. Rübsamen, Offergeld und Jensch reichten ihre offizielle Kandidatur am ersten Tag der Bewerbungsfrist im Rathaus ein. Unter den anderen drei Kandidaten stach der „Rebell aus dem Remstal“ Helmut Palmer hervor, Dauerkandidat bei vielen Bürgermeisterwahlen und Vater des derzeitigen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer.

Anders als Arend Braye sah sich Offergeld als überparteilicher Kandidat. Trotz des spannenden Ergebnisses sei der Wahlkampf “angenehm sachlich” verlaufen. Drei Wochen vor der Wahl fand im „vollen Rathaus“, damals noch auf dem Niederfeldplatz, und wenige Tage später in der Schlossberghalle mit gut 1000 Besuchern eine offizielle Vorstellung der Kandidaten statt. Amtsinhaber Hugenschmidt moderierte beide Male.

Das Interesse war also groß, und am 16. November 1983 gingen 66 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Die erste Abstimmung brachte jedoch keine Entscheidung. Alois Rübsamen lag mit 43,5 Prozent knapp vor Offergeld mit 40,1 Prozent, verpasste aber die absolute Mehrheit. Immerhin erhielt Jensch 14,3 Prozent der Stimmen. Die anderen drei Kandidaten spielten mit nur 2,1 Prozent keine Rolle. Bereits zwei Tage nach der ersten Abstimmung zog Peter Jensch seine Kandidatur zurück und empfahl Rainer Offergeld in einem persönlichen Statement. Dem schloss sich der Ortsverband FDP an. Das war nicht selbstverständlich, hatte doch die FDP im Vorjahr die Koalition mit der SPD auf Bundesebene verlassen und damit Helmut Kohl zum Kanzleramt verholfen. Allerdings wurde dieser Kurs auch nicht von allen Mitgliedern der liberaleren Linkspartei in Lörrach unterstützt. Aus diesem Grund verließ Regierungsrat Christian Martin Vortisch die Partei.

Auch die Grünen, die seit 1980 zwei Stadtratsmandate innehaben und bei Bundestagswahlen auf 8,4 Prozent der Stimmen kamen, sprachen sich für das Offergeld aus. Die SPD und die Wählerinitiative Geldspenden verstärkten ihre Bemühungen, unter anderem mit der legendären Listenverteilungsaktion am Wahlwochenende. Außerdem lobte eine Broschüre Rainer Offergeld von Helmut Schmidt mit der Aussage: „Ich kann meinen Freund Rainer Offergeld, der als jüngster Staatssekretär und Minister in meiner Regierung gezeigt hat, was in ihm steckt, von ganzem Herzen weiterempfehlen.“ . sicherte sich in Lörrach im zweiten Wahlgang am 11. Dezember eine Rekordbeteiligung bei der Kommunalwahl von 70,4 Prozent und einen Sieg für Rainer Offergeld mit 52,4 Prozent. Rübensaat erreichte 47,1 Prozent. Offergeld war nach Arend Braye der zweite Sozialdemokrat an der Spitze des Lörracher Stadtrates.

Zusammenfassung des Mandats von Offergeld

Nach acht Jahren wurde er 1991 mit 73,8 Prozent wiedergewählt, eigentlich dank der Unterstützung aller Fraktionen im Stadtrat. Die CDU unterstützte ihr Mitglied Hans-Peter Roth nicht offiziell. Noch heute loben ehemalige CDU-Stadträte wie Fraktionsvorsitzender Hermann Harrer, Dionys Guggemoos und Horst Moos sowie Freie Wähler-Fraktionsvorsitzender Werner Lacher die gute Zusammenarbeit mit Offergeld. Die Zusammenarbeit mit Teilen der SPD war nicht immer einfach. Doch Offergeld trat Ende November 1994 im Alter von 57 Jahren überraschend zurück, um neue berufliche Ziele zu verfolgen.

Kernstück der Kommunalpolitik des Offergeldes war zweifelsohne die Neuordnung der städtischen Finanzen einschließlich der Übergabe des Krankenhauses an den Landkreis. Allerdings wurde in die Zukunft Lörrachs investiert. Die damals revolutionäre Umgestaltung der Innenstadt zur Fußgängerzone vom Senser Platz bis zur Herrenstraße gilt heute als Beginn von Lörrachs Ruf als Wohlfühl- und Einkaufsstadt. Mit dem „Street-Place-Sign“-Konzept wurden mit der Einrichtung von Plätzen und der Installation von Kunst im öffentlichen Raum der Innenstadt städtebauliche Akzente gesetzt. Damit einher ging die Erneuerung des Rumpels mit dem damaligen Investor Migros als Magnet. Dies und die Wiederherstellung des Alten Marktplatzes in seiner ursprünglichen Funktion sind die sichtbarsten Zeichen des großen Erfolgs. Der Bahnübergang Wallbrunnstraße wurde gesperrt und eine Unterführung für den nicht motorisierten Verkehr errichtet. C&A siedelte sich im Reittereck an.

Dazu gehört der Umzug der sanierungsbedürftigen kleinen Stadtbibliothek in das ehemalige Kaufhaus Knopf und die Planung des Schlosshofes. Zwei gescheiterte Volksabstimmungen schienen das Projekt Burghof in Gefahr zu bringen. Mit den Grünen etablierte sich im Lörracher Gemeinderat eine neue politische Kraft, die sich ebenso wie die Landesgartenschau gegen das Großprojekt Burghof stellte. Mit dem Vorengele wurde der Salzert erweitert und mit Stetten-Süd ein Neubaugebiet realisiert. Offergeld musste sich dem fortschreitenden Strukturwandel von der Textilindustrie zum Dienstleistungsstandort stellen. Partnerschaften wurden mit Senigallia und Meerane in Sachsen geschlossen.

Mit seiner konsequenten und bisweilen schroffen Art brachte Offergeld ministeriellen Glanz nach Lörrach und hinterließ sichtbare Spuren. 2018 verlieh ihm die Stadt nach seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft.

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