Meißen: Meißen: „Die ostdeutsche Elite sollte gelähmt werden“

Herr Diestel, dies ist bestimmt nicht Ihr erster Besuch in Meißen. Sie haben Ihr neues Buch dabei. Warum passt es so gut in diese Stadt?

Ich kenne Meißen seit vielen Jahrzehnten und habe den gigantischen Aufschwung nach der Wende erlebt, aber auch den Abschwung, als es nicht mehr so ​​gut lief. Es ist immer noch eine große und schöne sächsische Stadt. Mein neues Buch passt nach Meißen, so wie es in die ganze DDR passt. Ich habe es für Menschen geschrieben, die zur größten Randgruppe überhaupt gehören. Ausgrenzung ist immer eine Methode des Faschismus. Aber wir haben keinen Faschismus. Wir leben in einer schönen und toleranten Demokratie.

Sie sprechen von Verarmung, was meinen Sie damit?

Den Ostdeutschen, die für alle Deutschen mit Kerzen und Kreuzen in der Hand den Kommunismus besiegten, wurde einfach nicht der Platz eingeräumt, den sie verdient hätten. Heute, 32 Jahre nach der Wiedervereinigung, haben wir immer noch keinen DDR-Botschafter, keinen DDR-General. Weniger als ein Fünftel der in Ostdeutschland tätigen Richter kommen von hier, sehen Sie sich die Ministerien und Staatssekretäre an. Überall dort, wo es etwas zu entscheiden und zu verteilen gibt, gibt es Leute aus dem Westen. In Deutschland gibt es 94 Hochschulen und Universitäten. Nur eine, nämlich die Dresdner Kunstakademie, wird von einem Ostdeutschen geleitet.

Wie kam es zu dieser Fehlentwicklung?

Es ist brutale politische Dummheit, so viele kluge und mutige Menschen auszuschließen. Dagegen spricht mein neues Buch. Wissen Sie, ich wohne in Mecklenburg-Vorpommern und meine Frau arbeitet als Zahnärztin in Potsdam. Bei der Bundestagswahl konnte er mit der Erststimme keinen Ostdeutschen wählen, da Baerbock und Scholz auf dem Stimmzettel standen. Dieser Massenausschluss ist verfassungswidrig und wird Deutschland in eine massive Schieflage führen.

Sehen Sie Ihr Lebenswerk in Gefahr?

Ich habe Pech oder sehr viel Glück, was immer Sie wollen. Mein Name ist untrennbar mit der deutschen Einheit verbunden. Und ich möchte nicht, dass das große Glück, das wir zur Zeit der Wiedervereinigung erlebt haben, so miserabel wird. Diese Entwicklung war nicht vorhersehbar. Das wollten weder Helmut Kohl noch Gerhard Schröder. Aber heute haben wir eine andere Qualität von Politikern. Bildungsverweigerer, die sich in ihrer Promotion mit Plagiatsvorwürfen auseinandersetzen müssen, haben sich in der Politik verbreitet.

Wie konnte das unter der Führung eines ostdeutschen Kanzlers passieren?

Das Lebenswerk von Angela Merkel ist, dass sie zu ihren Klienten sagen kann: “Ich habe es geschafft, die Ostdeutschen komplett auszuschließen.” Er hat seine Landsleute überhaupt nicht verteidigt und die politische Verantwortung für diesen gerade wieder beschleunigten Ausgrenzungsprozess übernommen. Den Ostdeutschen wird Konformismus vorgeworfen und damit ihr politisches Selbstvertrauen geraubt. Das einzige Ziel war, die ostdeutsche Elite zu lähmen. Wir sind die Schildbürger, die Ostfriesen im eigenen Land. Aber das werden sich die Leute nicht mehr lange gefallen lassen.

Fürchten Sie um den sozialen Frieden im Land?

Es gibt ein historisches Gesetz. Ein Volk, das schon einmal eine Revolution erfolgreich durchgeführt hat, wird dies immer wieder tun. Aber alles, was wir wollen, ist ein gleichberechtigter Platz in der Demokratie. Es geht nicht darum, das Gesellschaftssystem zu verändern. Noch nie gab es so viele unterdimensionierte Menschen mit Führungsverantwortung. Und das in einer Zeit, in der wir die Stärksten brauchen würden. Menschen, die ihr Leben bereits um 180 Grad gedreht haben, die wissen, wie man mit komplizierten Situationen umgeht.

Ihre Kompetenz, ihre Kapazität wird durch politische Dummheit aufgehoben. Stattdessen wirft der frühere Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz – selbst in Chemnitz geboren – seinen Landsleuten nach über 30 Jahren Diktatur mangelnde Demokratisierungsfähigkeit vor. Das ist eine politische Hassrede, die meiner Meinung nach sogar strafrechtliche Relevanz hat. Und Frau Merkel hat geschwiegen, wie die gesamte CDU, aus der ich ausgetreten bin.

Wir reden viel über Ausgrenzung, sehen wir die falschen Themen?

Ich habe viele Freunde aus Altländer, das sehe ich als große Bereicherung. Aber wenn ihre Kinder bessere Chancen haben als unsere, dann stimmt etwas nicht. Ausgrenzung wird nicht von alleine verschwinden und deshalb müssen wir sie beenden. Wir sprechen aber nur über den Ausschluss von Menschen, die nicht wissen, ob sie die Damen- oder Herrentoilette benutzen sollen. Das sind sicherlich tragische Situationen im Leben. Ich habe einen sehr großen Freundeskreis und kenne keinen einzigen Menschen, für den hier Politik gemacht wird.

Die frühere Stasi-Bundesunterlagenbeauftragte Marianne Birthler hat einmal gesagt, Enkel und Urenkel sollten auch in 50 Jahren noch wissen, ob ihre Großeltern bei der Stasi waren. Das macht deutlich, dass man diese Denkweise der Clan-Verantwortung fest verankern will.

Sind die Corona-Proteste in Ostdeutschland eine Reaktion auf die erlebte Ausgrenzung?

Die Ostdeutschen haben ihre Grundrechte erst seit 30 Jahren und lassen sich diese nicht sofort wegnehmen. Deshalb sind die Proteste im Osten viel deutlicher und dreister. Als in Berlin die erste Demonstration der Querdenker stattfand und Menschen mit Wasserwerfern umzingelt wurden, rief mich Egon Krenz an. Er fragte: “Peter, hast du das im Fernsehen gesehen? Wir hatten auch Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke. Aber wir haben die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen nicht verprügelt.”

Und mit dem Krieg in der Ukraine ist ein zweites Thema aufgetaucht, das spaltet.

zusammenhängende Posts

Ganser ja, Tellkamp nein?  Wo bei den Literaturtagen Meissen die roten Linien verlaufen

Wenn der Krieg in der Welt beginnt, ist die Wahrheit zunächst eine Kampfkunst, und der Sieger sagt uns am Ende, wer gut und wer böse ist. Wer einen Krieg beginnt, begeht Unrecht, das ist meine tiefe Überzeugung. Aber natürlich tun wir auch den Russen weh. Ich selbst habe mit ihnen verhandelt und ihnen versprochen, dass es keine Osterweiterung der NATO geben wird. Russland hat das geglaubt. Und wir waren froh, dass sie ihre 500.000 Elitesoldaten aus Deutschland abgezogen haben. Wenn sie heute noch in Deutschland wären, würden wir anders über Russland sprechen.

Peter-Michael Diestel ist am 15. Juni um 19 Uhr mit seiner Lesung „Ich war glücklich in der DDR. Aber ich kämpfe für die Einheit“ als Gast der Volkshochschule am Kulturbahnhof Radebeul-Ost. Weitere Informationen: www.vhs-LKmeissen.de.

Leave a Comment