Sex kaufen verbieten? – Der Streit um die Prostitution in Deutschland – SWR2

Prostitution wird immer noch oft als moralisches Problem behandelt. Aber eine selbstständige Sexarbeiterin ist nicht mit einer Zwangsprostituierten zu vergleichen. Wie können alle sicher arbeiten?

Prostitution wird immer noch stigmatisiert

40.000 Sexarbeiterinnen sind bisher in Deutschland offiziell registriert. Das teilt das Statistische Bundesamt mit. Diese Zahl ist bis Ende 2020 auf rund 25.000 gesunken. Und das ist vermutlich nur ein Bruchteil all jener, die tatsächlich in der Prostitution tätig sind. Da Prostitution immer noch so stigmatisiert ist, dass viele bei der Registrierung Angst vor Entdeckung und öffentlicher Bloßstellung haben, sind Sexarbeiter kritisch.

Die Debatte um den richtigen Umgang mit dem Prostitutionsrecht in Deutschland wird nach der Bundestagswahl wieder aufleben. Im Wahlkampf kündigte nicht nur Leni Breymaier von der SPD, sondern auch die Frauen-Union an, das Sexkaufverbot durchsetzen zu wollen.

Verbot des Sexkaufs nach dem „nordischen Modell“ als Vorbild

1999 führte Schweden eine neue Gesetzgebung zur Prostitution ein, die heute als “nordisches Modell” bekannt ist und als Modell dient. Das Gesetz besteht im Wesentlichen aus zwei Hauptkomponenten: Einerseits wird der Kauf von Sex unter Strafe gestellt. Kunden sollten bestraft werden, nicht Prostituierte, die Sex anbieten. Andererseits soll ein breites Angebot an Ausstiegs- und Beratungsangeboten für Frauen und Männer in der Prostitution geschaffen werden.



Demonstration zum Internationalen Frauentag in Berlin am 8. März 2021, Schild mit der Aufschrift: "Prostitution ist Gewalt." (Foto: IMAGO, IMAGO / Emmanuele Contini)

Demonstration zum Internationalen Frauentag in Berlin am 8. März 2021: Schwedens neues Prostitutionsgesetz gilt als Vorbild für ein Sexkaufverbot


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IMAGO / Emmanuele Contini


Schweden versucht seit Jahren, diese Gesetzgebung weltweit voranzutreiben. Fünf Länder in Europa haben jetzt ähnliche Gesetze wie Schweden. Einschließlich Island, Norwegen und Frankreich. Ist der schwedische Stil ein Modell, von dem alle profitieren? Es ist eine Erzählung, die im Gespräch mit den direkt Betroffenen bricht.

Sexarbeit in Deutschland trotz Verbot während des Lockdowns fortgesetzt

Denn das Verbot von Sexarbeit ist das Gegenteil von dem, was Daria Orniér will. Orniér ist 43 Jahre alt, kommt aus Stuttgart und betreibt dort ein kleines Dominastudio. Sie bezeichnet sich bewusst als „Sexarbeiterin“ und nicht als „Prostituierte“. Um deutlich zu machen, dass er den Beruf freiwillig gewählt hat.

Orniér ist seit neun Jahren Sexarbeiterin. Jetzt ist sie dem Berufsverband Erotik und Sexuelle Dienstleistungen beigetreten, um für ihre Arbeitsrechte zu kämpfen. Dazu gehört auch die Umgehung des Sexkaufverbots. Vor allem jetzt, wo der Lockdown vorbei ist. Denn laut Orniér ging die Sexarbeit trotz Einsperrungsverbot weiter, Beratungsstellen wurden geschlossen, die Gewalt nahm zu und die Preise fielen.

Deutschland basiert auf einem Regulierungsmodell mit vielen Regeln und Hindernissen

Petra Östergren vermutet, dass es vielen schwedischen Sexarbeiterinnen genauso geht. Sie ist Sozialanthropologin von der Universität Lund und forscht seit 20 Jahren zum „schwedischen Modell“. Östergren hat verschiedene Gesetze auf der ganzen Welt verglichen, um zu sehen, wie sich die Arbeitsbedingungen unterscheiden.



Stuttgarter Demonstration gegen das Sexkaufverbot im Lockdown, August 2020, Transparent mit der Aufschrift: "Wir sind hier, wir sind laut, weil Sie unsere Jobs stehlen" (Foto: IMAGO, IMAGO / Lichtgut)

Demonstration in Stuttgart gegen das Sexkaufverbot während des Lockdowns, August 2020


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Deutschland beispielsweise hat sich derzeit für den Mittelweg zwischen repressiver und integrativer Politik entschieden, also für das Regulierungsmodell, wie Petra Östergren es nennt: viele Regeln und Hindernisse, aber kein pauschales Sexkaufverbot. Mit dieser Notlösung in Deutschland sind laut Östergren die wenigsten zufrieden.

Seit 2002 gibt es in Deutschland eine politische Debatte über Sexarbeit.

2002 brachte die rot-grüne Bundesregierung ein liberales Gesetz auf den Weg: Fortan war Prostitution nicht mehr verboten, sondern legal. Nur gab es keine klaren Regeln, um die Industrie zu kontrollieren. Vor allem nach der EU-Osterweiterung 2007 häuften sich deshalb bald die Negativschlagzeilen.

2013 startete Alice Schwarzer im Emma-Magazin eine Kampagne, die alles beenden sollte: den “Aufruf gegen Prostitution!”. Doch es gab sofort Kritik an der Aktion. Ausgerechnet von Journalisten, die in den Vorjahren kritisch über das Prostitutionsgesetz berichtet hatten.

Das Prostituiertenschutzgesetz legt Kondom- und Meldepflichten fest

Die jüngste gesetzliche Maßnahme in Deutschland war das Prostituiertenschutzgesetz von 2016. Es sieht einerseits Beratungsgespräche und eine Meldepflicht für Sexarbeiterinnen vor, andererseits eine Kondompflicht und strengere Regeln für Sexarbeiterinnen.

Vielleicht klappt es ja eines Tages, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und gemeinsam Lösungen zu finden: zum Schutz von Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden, und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für jene Frauen, die die Arbeit ehrenamtlich leisten.

ROE 2021/2022

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